Die anderen.

Unbequeme Wahrheit

Warum wir bei anderen die Fehler sehen – und bei uns selbst die Gründe

Menschen sind faszinierend. Wir erkennen die Fehler anderer oft in Rekordzeit. Der Kollege ist stur, die Führungskraft versteht nichts vom Alltag, der Nachbar ist egoistisch. Im beruflichen Kontext sind ohnehin erstaunlich viele Menschen überzeugt, sie wären von Ahnungslosigkeit umgeben.

Die Diagnose erfolgt schnell, präzise und mit einer Selbstsicherheit, die jeden Sachverständigen blass werden ließe.

Sobald es allerdings um uns selbst geht, wird die Lage komplizierter. Dann kennen wir den Kontext. Dann hatten wir gute Gründe. Dann war etwas ganz anders gemeint. Was bei anderen wie ein Verhaltensmuster aussieht, erscheint bei uns selbst als bedauerlicher Einzelfall.

Wir beurteilen andere nach ihrem Verhalten und uns selbst nach unseren Absichten.

Die Welt aus der eigenen Perspektive.

Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und anschließend überzeugt sein, dass der jeweils andere das Problem war. Beide haben ihre Gründe. Beide halten ihre Sichtweise für nachvollziehbar. Und beide übersehen möglicherweise etwas Entscheidendes.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Fakten beliebig sind oder jeder seine eigene Wahrheit erfinden kann. Aber Erfahrungen, Erwartungen und persönliche Überzeugungen beeinflussen, wie wir Situationen wahrnehmen und bewerten. Das Problem beginnt, wenn wir unsere Perspektive nicht mehr als eine Sichtweise betrachten, sondern als die einzig vernünftige.

Wir erwarten von anderen, dass sie unsere Beweggründe verstehen. Bei uns selbst erscheint das selbstverständlich. Bei anderen urteilen wir oft, bevor wir überhaupt wissen, was hinter ihrem Verhalten steckt.

Jeder erlebt seine eigene Realität. Aber nicht jede Schlussfolgerung, die wir daraus ziehen, ist deshalb richtig.

Vielleicht wäre es hilfreich, vor dem nächsten Urteil eine einfache Frage zu stellen: Was könnte ich übersehen haben?

Das größte Gefängnis.

Wir halten uns gerne für offen, reflektiert und lernbereit. Zumindest so lange, bis jemand unsere Überzeugungen infrage stellt. Dann wird aus Neugier schnell Rechtfertigung. Aus einer Gegenposition ein persönlicher Angriff. Und aus dem Wunsch, etwas zu verstehen, der Versuch, unbedingt recht zu behalten. Wir suchen Argumente, die bestätigen, was wir ohnehin glauben, und übersehen großzügig, was nicht ins Bild passt.

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Die meisten Menschen wünschen sich Veränderung. Natürlich vorzugsweise bei allen anderen.

Der Chef soll sich ändern. Das Team soll sich ändern. Die Gesellschaft sowieso. Nur der Mensch im Spiegel wird bei diesen Überlegungen erstaunlich selten berücksichtigt.

Warum eigentlich?

Wir kennen unsere Absichten. Unsere Wirkung auf andere erleben wir dagegen nur indirekt. Wir wissen, warum wir etwas getan haben. Was unser Verhalten bei anderen ausgelöst hat, müssen wir erst erfahren – und manchmal wollen wir es gar nicht so genau wissen. Hinzu kommt, dass ein Fehler selten nur eine einzelne Einschätzung infrage stellt. Er kann auch an unserem Selbstbild kratzen. Wer sich für fair hält, möchte nicht ungerecht gehandelt haben. Wer sich für kompetent hält, möchte keine falsche Entscheidung getroffen haben.

Vielleicht fällt es uns nicht deshalb so schwer, Fehler einzugestehen, weil wir unbedingt recht haben wollen. Vielleicht haben wir Angst davor, was es über uns aussagen könnte, wenn wir falschliegen.

Entwicklung beginnt. Sicherheit endet.

Die Komfortzone hat einen schlechten Ruf. Dabei ist sie zunächst etwas Gutes: Sie ist der Bereich, in dem wir Erfahrung gesammelt haben und uns sicher bewegen können. Niemand wird als souveräne Führungskraft geboren. Niemand hält die erste Präsentation seines Lebens völlig entspannt. Und kaum jemand trifft wichtige Entscheidungen immer ohne Zweifel.

Wir lernen, indem wir Dinge tun, die wir vorher noch nicht können. Mit der Zeit werden sie vertrauter. Was gestern noch Mut erforderte, gehört morgen vielleicht selbstverständlich zu unserem Alltag.

Wer seine Komfortzone ständig verlässt, bleibt auf Dauer Gast. Wer sie erweitert, macht Neues zu einem Zuhause.

Das gilt nicht nur für neue Aufgaben oder berufliche Herausforderungen. Es gilt auch für schwierige Gespräche, ungewohnte Sichtweisen und die Bereitschaft, eine festgefahrene Meinung zu überprüfen. Manchmal ist das Unbequemste nicht, etwas Neues auszuprobieren. Sondern zu akzeptieren, dass wir uns bisher geirrt haben könnten.

Die Meinung. Eine Festung.

Einen anderen Blickwinkel einzunehmen klingt einfach. Wir fordern es ständig von anderen. Doch wenn wir selbst unsere Perspektive verändern sollen, wird es anstrengend. Denn dann müssen wir akzeptieren, dass unsere Sichtweise unvollständig sein könnte. Dass wir wichtige Informationen nicht kennen. Oder dass jemand, den wir für das Problem gehalten haben, die Situation ganz anders erlebt. Besonders schwierig wird es, wenn unsere Meinung längst Teil unserer Identität geworden ist.

Vielleicht verteidigen wir manche Meinungen nicht deshalb so leidenschaftlich, weil sie richtig sind. Vielleicht verteidigen wir sie, weil sie längst Teil unseres Selbstbildes geworden sind.

Dann diskutieren wir nicht mehr, um etwas herauszufinden, sondern um unsere Position zu verteidigen. Wir hören nicht mehr richtig zu, weil wir bereits die nächste Antwort vorbereiten. Und manchmal nehmen wir lieber in Kauf, dass ein Konflikt bestehen bleibt, als einen Schritt zurückzugehen. Dabei bedeutet ein Perspektivwechsel nicht, dass wir unsere Meinung aufgeben müssen. Er bedeutet zunächst nur, dass wir bereit sind, sie zu überprüfen.

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Nicht jede andere Meinung ist besser. Aber nicht jede andere Meinung ist automatisch falsch.

Vielleicht zeigt sich echte Überzeugung nicht darin, niemals nachzugeben, sondern darin, unterscheiden zu können, wann man für etwas einstehen sollte – und wann man dazulernen kann.

Der Irrtum ist nicht das Problem

Wir sprechen gerne von Lernbereitschaft und Entwicklung. Gleichzeitig behandeln wir Fehler erstaunlich oft wie Charaktereigenschaften. Wer sich irrt, hat offenbar nicht aufgepasst. Wer eine falsche Entscheidung trifft, kann es nicht. Und wer seine Meinung ändert, wusste es vorher wohl nicht besser. Kein Wunder, dass manche lieber an ihrer ursprünglichen Position festhalten, als offen zuzugeben, dass sie danebenlagen.

Dabei müssen wir nicht jede Kritik akzeptieren und nicht jede Entscheidung nachträglich infrage stellen. Aber wir sollten zwischen einer sachlichen Prüfung und einer reflexhaften Verteidigung unterscheiden können.

Der Irrtum ist nicht das Problem. Die Weigerung, daraus zu lernen, schon.

Persönliche Entwicklung beginnt nicht damit, immer sofort zu erkennen, wo wir falschliegen. Sie beginnt mit der Bereitschaft, genauer hinzusehen, wenn Zweifel aufkommen oder andere uns auf etwas aufmerksam machen. Dafür braucht es keinen permanenten Selbstzweifel. Nur die Ehrlichkeit, sich selbst dieselben Fragen zu stellen, die man anderen so selbstverständlich stellt.

Kurz drüber nachgedacht.

Vielleicht sind wir nicht ganz so objektiv, wie wir gerne glauben.

Vielleicht urteilen wir zu schnell, hören zu, um zu antworten, und verwechseln gute Absichten mit guter Wirkung. Vielleicht erkennen wir die blinden Flecken anderer so leicht, weil wir unsere eigenen längst für ganz normale Bestandteile unseres Charakters halten. Wir müssen deshalb nicht jede Überzeugung infrage stellen. Aber wir könnten aufhören, jede Überzeugung automatisch zu verteidigen.

Denn die entscheidende Frage ist nicht, ob wir uns irren. Das werden wir früher oder später alle.

Die entscheidende Frage ist, ob wir es bemerken wollen.

Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung nicht darin, die Denkfehler anderer zu erkennen. Sondern die eigenen.